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Feldforschung: Der Wiener Kabarettist Alfred Dorfer beobachtet für die Süddeutsche Zeitung die deutsche Bundestagswahl eine fiktive Reise durch ein merkwürdiges Land ...

18.9.
Sonntag abends, die Rechnungen gehen hoch und beenden formal den Wahlkampf. War es seit jeher in der menschlichen Zivilisation üblich, daß Kämpfe stets Sieger und Verlierer produzierten, schafft es diese Bundestagswahl scheinbar ausschließlich Sieger hervorzubringen. Welch ein berührender, euphorischer Abend! Angela Merkels Sieg über das Charisma in der Politik beschert ihr möglicherweise den knappen ersten Platz in der Arithmetik, während Schröder die Meinungsforscher besiegt und daraus die Kanzlerlegitimation ableitet. Auch Stoiber kann seine Genugtuung über Merkels schlechtes Abschneiden kaum verbergen und sieht sein Ergebnis von 2002 a posteriori als Triumph, bleibt nur die Frage, wer ihm das formulieren wird. Westerwelles Sieg besteht im ewigen Glanz der Leere, im Sieg über Inhalte, während die Linkspartei über ihre wieder erreichte Fraktionsstärke frohlockt. Die Grünen hingegen fühlen sich auch ein bißchen als Sieger über eine Regierungsmehrheit von Schwarz-Gelb und ihr Mauerblümchendasein, wenn auch nur für einen Abend. Eine der vielen Siegerinnen der rauschenden Abends ist die Spekulation über mögliche Regierungsformen, egal ob sie nun Schwampel, Jamaika oder Große Koalition heißen. Doch plötzlich wird in der allgemeinen Siegeslaune klar, daß es durch die verhinderte Liebesheirat der Union mit der FDP doch eine kleine Enttäuschung gibt, eine kleine Trübung des Siegeshimmels über Berlin. Der Börsenfachmann erwähnt dies in einem Nebensatz und retrospektiv wird klar, in wessen Interesse der politische Wechsel wäre und daß jene, die ihn herbei zu reden oder schreiben trachteten im Sinne des Auftrags an der Wählerwirklichkeit zu manipulierten versuchten. So steht auch am Ende dieses Gedankens der Sieg der selbständigen Wählerschaft und die Mediendemokratie bleibt in ihrer Absolutheit Legende. Im allgemeinen Siegesrausch packe ich meine Sachen, gehe durchs nächtliche München in Richtung Bahnhof, tue quasi meine letzten Schritte als Wahlbeobachter der OECD. Vier Wochen, wie im Flug vergangen, denke ich fast wehmütig, das Land hat sein Qualitäten. Doch bevor das Sentiment die Oberhand gewinnen kann, befällt mich das diffuse Gefühl, daß ich vielleicht meinen Dienst bald wieder antreten werde müssen und die Deutschen ihren Wahlbleistift gar nicht erst aus der Hand legen sollten ...
17.9.
Wieder zurück in München, morgen wird es spannend, meine Zimmerwirtin hat den Sekt schon eingekühlt, wie auch immer, meint sie, die CSU würde das schon machen. Frage sie, ob sie im Falle eines Sieges wie Edmund Stoiber vor drei Jahren ein Glas Champagner öffnen wolle, doch in puncto Stoiber gibt es keinen Spaß, sogar den CSU-Wahlwerbespot mit ihm goutiert sie, wo dem Bayrischen Ministerpräsident der richtige Wahltermin beinahe nicht einfallen will. Er käme so wie im richtigen Leben. Diese Wirklichkeit wird mir dann fast etwas unheimlich, nehme ein Buch und schlendere vorbei am mir wohl vertrauten Lustspielhaus, wo mir bewußt wird, daß den professionellen Kabarettisten große Konkurrenz erwächst durch dilettierende Spaßmacher wie den Gestaltern des FDP-Wahlspots mit der Zweitstimme, der so dumm ist, daß seine Veröffentlichung bereits eine Mutfrage darstellt. Setze meinen Weg fort in Richtung Englischer Garten mit Schrödingers Was ist Leben? unterm Arm. Der Physiker untersucht darin die Frage, ob sich das wirkliche Leben nach den Gesetzen der Physik verhalte. Er war da etwas optimistischer als ich, da ich den CDU-Spot mit Frau Merkel sah, die ja die Gesetze der Physik kennen sollte, selbst aber nicht nach den Gesetzen des täglichen Lebens spricht, sondern ihre Schlußworte mit der Glaubwürdigkeit des Laienspiels abliefert. Schröder hingegen, der Schrödingers Überlegungen wahrscheinlich als sekundär erachtet und eher den Gesetzen der optimalen Kamerapositionen und Lichtsetzungen im Studio zugeneigt scheint, dürfte durch Überkonsum an Hollywoodthrillern zur Darstellung in seinem Werbefilmchen inspiriert worden sein. Aber eine Bundestagswahl erinnert höchstens von der inhaltlichen Leere her an Hollywood und wie immer es ausgeht, am Schluß steht kein Happy End. Die Spots der andern Parteien sind um nichts besser und ich wundere mich, wie es möglich ist, intellektuelle Hohlräume zu bebildern, die Imaginierung des Nichts quasi als perzeptive Revolution. Der Werbeindustrie ist also ein epochaler Schritt gelungen, nämlich die endgültige Emanzipation der Form vom Inhalt. Setze mich auf eine Bank im Englischen Garten und hoffe im Sinne Schrödingers, daß es irgendwann einmal selbständiges lichtempfindliches Material geben wird, das seine Belichtung verweigert, wenn der Inhalt des Gezeigten unter ein bestimmtes Level rutscht. Elektronische Wahlwerbung würde damit endgültig der Vergangenheit angehören, bis dahin tröste ich mich mit dem Gedanken, daß übermorgen der Spuk vorbei ist, sofern man nicht spontan erneute Neuwahlen ausruft. Amüsiert hänge ich diesem Gedanken nach und blinzle in die Frühherbstsonne ...
16.9.
Kurzer Abstecher nach Wien, sehe dort ein ungleiches Duell zwischen dem milliardenschweren Österreichischen Meister Rapid und Bayern München, eine südamerikanisch-französische Auswahl, bei der auch zwei Deutsche mitspielen und ein Tormann aus dem Niemandsland. Eine Überraschung liegt in der Luft, der budgetär benachteiligte Außenseiter führt durch ein Tor des Deutschen Guerrero. Fußball hatte immer schon eine Pionierrolle in puncto Akzeptanz ausländischer Arbeitskräfte mit überlegenem know how. Seltsam allerdings, wenn im Falle der Bayern von einer deutschen Mannschaft gesprochen wird. Seltsam auch, daß Nationalismus und Stolz gerade hier auftauchen, wo es sich nur mehr um zusammengewürfelte vazierende Gladiatorentruppen handelt, ohne Todesgefahr zwar, dafür mit hoher Gage und niedrigem Identifikationsfaktor. In unzähligen Diskussionen des deutschen Wahlkampfes wurde der Zusammenhalt und die gemeinsame Kraft der Vergangenheit beschworen um aus der Krise zu kommen. Mit Hilfe eines Gespenstes wurde versucht Phlegma und Mutlosigkeit aufzuschrecken, Mythos schien der geeignete Weg statt klarer Worte und ebensolcher Rezepte. Deutschland ist laut einer jüngsten Studie noch immer das fünftreichste Land der Welt, doch was nützt es, wenn dies für die Bevölkerung bloß eine Zahl ist. Was nützt es, wenn Wachstum, sollte es sich jemals einstellen, keine Arbeitsplätze bringt. Jobless growth ist längst ein schlecht gehütetes Geheimnis geworden und der Bote, der das verkünden soll, jener innenpolitische Hiob, bleibt einstweilen noch im Dunkeln. Gleichzeitig erfährt man, daß die Bildungsausgaben Deutschlands in Korrelation zu anderen Industrienationen hinterherhinken. Das scheint vernünftig, eine Bevölkerung mit hohem Bildungsstandard reagiert politisch paradoxerweise brisanter als ein Population, die sich mit nationaler Emotion im Stadion kurzweilige Glücksmomente schafft. Der aufklärerische Anspruch der allgemeinen Bildung, der im übrigen auf die Jesuiten zurückgeht, wird nur mehr in Reservaten als Relikt hochgehalten, in Hoffnungsghettos geträumt. Passive Identifikation mit transparenten Phänomenen wie Fußball oder Fernsehen, Spiele zwar, doch immer weniger Brot, das ist der Mix des Sedativums mit unerwünschten Nebenwirkungen auf den demokratischen Prozess. Plötzlich schrecke ich aus diesen Gedanken hoch, alles wird nebensächlich, es gibt Elfer für Rapid ...
14.9.
Fahre mit der Deutschen Bahn durchs Land und die Monotonie des Zuggeräuschs hält gut mit jener der tagespolitischen Themen mit. Der Blick schweift über die Landschaft und ich sehe eine Kleinstadt, deren Einwohner laut demographischer Prognosen in einem Jahr nicht mehr existieren werden. 200.000 Deutsche verschwinden pro Jahr, die Schuldigen sind rasch gefunden. Es liegt zwar kein Verbrechen vor, doch Kinderlosigkeit und unsere Endlichkeit grassieren. Der Zug rollt weiter durch ein sich entvölkerndes Deutschland. Nicht Krieg oder Naturkatastrophen wüten hier, nein, Pille, Kondome und Ängste um die materielle Existenz. Der Papst hatte uns immer gewarnt, doch er macht es sich leicht, denn laut Statistik verschwindet so ein Papst nur alle 200.000 Jahre. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung macht mir langsam Spaß, ich verzehre ein lasches Brötchen aus dem Speisewagen, wir passieren Regensburg. Ich sehe mich durch seine Altstadt taumeln, hungrig an viele Türen klopfen, nichts ... Ich rufe durch die Gassen: Ich bin kein Deutscher, für mich gilt diese Statistik nicht, ich will leben! Doch keiner macht mir auf, die wenigen Überlebenden des Geburtenrückgangs sind froh, noch statistisch erfasst werden zu können und verschließen ihre Türen. Ich schreie in das Echo der Altstadt, daß dies nur der Anfang sei und in 30, 40 Jahren, wenn dann die letzten geburtenstarken Jahrgänge weggestorben seien, die Gesamtbevölkerung überhaupt dramatisch sinken würde und weite Teile Deutschlands lägen dann brach, entvölkert. Leere Städte mit vollen Geschäften, aber keine Kunden und dann wäre Heulen und Zähneknirschen über die Versäumnisse bei Kinderbetreuungsplätzen und Vereinbarkeit von Job und Familie. Die verbliebenen 500.000 Deutschen würden sich zusammenrotten und einen Arterhaltungsplan schaffen müssen ähnlich dem für vom Aussterben bedrohte Pandabären. Man wird vorschlagen, die leerstehende Städte an Chinesen zu vermieten. Würzburg wäre dann taiwanesisch oder Hannover, wo man früher mal das beste Deutsch sprach. Die Fahrkarten bitte! holt mich aus diesem Traum und als der Schaffner das Anteil verlassen hat, sehe ich mir gegenüber eine Frau sitzen. Ich will sie schon fragen, ob sie Kinder hat und wenn nicht, ob sie sich denn nicht schäme und ihrer Verantwortung nicht bewußt sei und Würzburg den Chinesen überlassen wolle. Im letzten Augenblick halte ich mich schweißperlnd zurück, nehme wieder meine Zeitung und merke, daß ich über einen Kirchhofartikel eingenickt war.
12.9.
Ein Theaterbesuch wäre schön, denke ich und blättere in Feuilletonteilen um das Angebot mit meinem Interessen abzustimmen. Die prinzipielle Lust am Theater kommt einem ja im Laufe des Theaterwissenschaftsstudiums etwas abhanden und das sogenannte Regietheater tut das Übrige um sie nicht wieder anzuheizen. Wenn nun die Inszenierung von allen am Theater vertretenen Künsten die am wenigsten kunstvolle ist, wie Aristoteles uns hinterließ, bestand also das Theater des ausklingenden vorigen Jahrhunderts weitgehend aus falscher Fokussierung? Wenn nun aber nicht einmal mehr der Regisseur in Erscheinung tritt und weder der gesprochene Text noch die behandelten Inhalte des Gezeigten von Bedeutung sind, befindet man sich auf der Bühne der Politik. Lediglich das wechselnde Casting bietet Unterhaltung, die Darsteller treten in Gruppen auf, die man Parteien nennt. Chor wäre falsch, da Einmütigkeit und Taktgefühl fehlen. Ein Nebenschauplatz, den man für uns schön ausleuchtet, doch das Bühnenbild ist aus Pappe. Bei Tageslicht betrachtet wird der Fake offenkundig und man begreift langsam, daß diese Form des Entertainments unsere Aufmerksamkeit von den Aktivitäten im Schnürboden ablenken soll. Das Stück Demokratie wird gegeben, es ist ein Drama in einem Akt und dieser soll human motiviert sein, ist es aber ebenso wenig wie es die Aufhebung der Sklaverei war. Das Stück lebt von der Illusion der Freiheit, die in Wahrheit an der Börse notiert. Inszeniert wird oligarchisch und ob die Darsteller nun aprikotfarbene Blazer tragen oder sich kaum von den Personenschützern abheben, die sie rund um die Uhr bewachen müssen, ob sie also Merkel, Schröder, Stoiber, Fischer, Schüssel oder Haider heißen, bleibt sekundär. Ich lese noch etwas über Verschwörungstheorien im Chronikteil und entscheide mich dann für ein Shakespearestück. Im Foyer schon studiere ich akribisch das Programmheft, und versuche von der Besetzung auf das Stück zu schließlich, vergeblich ...
9.9.
Geh wieder zu meinem Zeitungsladen in Schwabing und erwarte Diskursives über das TV-Duell zu lesen. Mit seltener Einmütigkeit aber wird die überraschend gute Performance der zukünftigen Bundeskanzlerin erwähnt und ich denke mir, quasi von außen betrachtet, daß angesichts ihrer realen Performance bei dieser Konfrontation die Erwartungen ziemlich weit im Süden des Descartschen Koordinatensystems angesiedelt sein mußten. Anleihen ausgerechnet bei Ronald Reagan zu nehmen verheißt nichts Gutes. Abgesehen vom Content keimt da die Befürchtung auf, daß sich künftig wie beim Vorbild Vergeßlichkeit in Bezug auf Wahlversprechen einstellen könnte. Man kann von Schröder, dem historischen Totengräber Rot-grüner Kombinationen für längere Zeit, halten, was man will, aber wäre nur aufgrund dieses Fernsehspektakels der Bundeskanzler zu küren gewesen, gäbe es wohl keinen Zweifel. Zu wünschen ist der Kanzlersgattin aufrichtig, daß die von Schröder zitierte Liebe zu ihr mithalten kann mit seiner offenkundigen tiefen Zuneigung den Fernsehkameras gegenüber. Die Kommunikationswissenschafter aber, so steht zu lesen, messen der eigentlichen Konfrontation weniger Bedeutung bei als der anschließenden Interpretation der Fachleute unter denen sich überraschenderweise auch Kommunikationswissenschafter befinden. Man kann das unter Arbeitsplatzbeschaffung einreihen, doch so leicht sollte man es sich nicht machen, denn jene Wissenschaft, die als Rechtfertigung für die eigene Existenz, die eigene Meinung über die Notwendigkeit einer solchen heranzieht, bildet den Anfang und das Ende der Bedeutungsspirale. Wenn also jener, der Bedürfnisse weckt, diese gleichzeitig auch beurteilt und befriedigt, entsteht ein Art Meinungsmonopol. Nun wissen wir, daß die entscheidenden Fragen bei Expertisen dieser Art nicht den Inhalt betreffen, sondern den Auftraggeber, wer also bezahlt die veröffentlichten Meinungen? Präziser gefragt: wird hier der Unterschied zwischen öffentlicher Meinung und ihrer weit schichtigen Verwandten, der veröffentlichten Meinung durch die Unterstützung der Wissenschaftslüge unmerklich kongruent gemacht? Die vermeintliche Notwendigkeit der bezahlten Interpretation geht mit der Entmündigung der Wählerschaft einher. Verlasse den Zeitungsladen und stehe nun vor der Entscheidung, ob der Hunger bereits groß genug ist um ihn mit konkreter Nahrungsaufnahme zu bekämpfen. Ich verzichte darauf eine Expertise in Auftrag zu geben und schlendere in Richtung Osterwaldgarten.
7.9.
Hab nun in einer Kneipe in Dresden das große, spannende TV-Duell gesehen und wie beim Fußball hatte man danach bei einigen Kommentatoren den Eindruck, sie wären bei einem anderen Match gewesen, während Herr Nowottny anklingen ließ, daß diese Rolle durchaus erfüllbar wäre. Samy Molcho wiederum füllte vier Minuten Sendezeit und der Zusammenhang mit dem vorangegangenen Duell wollte sich nicht einstellen. Angela Merkel gegen Gerd Schröder also, ein Schauspiel. Man hat hier in weiser Voraussicht auf den Frauenfaktor verzichtet und das Geschlecht der CDU-Spitzenkandidatin nicht thematisiert. Sonst nicht viel Neues, außer daß sie mittlerweile doch den Unterschied zwischen brutto und netto zu kennen scheint. Bei der Frage nach der etwaigen Führungsschwäche der Bush-Administration bezüglich New Orleans hoffte man für Deutschland, daß sie die Außenpolitik Kompetenteren überlassen würde. Angela Merkel hat die letzten Tage etwas Zuversicht geübt, die Mundwinkel tendieren leicht aufwärts, für ausgesprochene Fans vielleicht sogar glaubwürdig. Auf der anderen Seite Schröder mit der Entspanntheit des sicheren Verlierers, mit kontrollierter Arroganz, doch die ist echt. Die Hand, die Molcho später als Gefühlshand bezeichnen wird, verweilt im Hosensack. Die Sozialdemokratie der Aufsichtsräte scheint gescheitert, der Dritte Weg, er führt ins Holz, Genossen! In unerklärlicher Generosität verschweigt er die Funktion der konservativen Mehrheit im deutschen Bundesrat, der anders als der österreichische Funktion und Bedeutung hat. Die Paralyse der Großen Koalition, wurde hier bereits geprobt. Rätselhaft auch der unterbliebene Hinweis auf den Verantwortlichen für die Miseren der Wiedervereinigung, Helmut Kohl. Das alles scheint Schröder schon länger nicht mehr zu interessieren, dafür erfuhren wir Näheres über seine private Gefühlskonstellation, was wiederum uns nur mäßig interessierte. Dieses Duell war nicht entscheidend, der Zug schon abgefahren. Die Medien haben die Wende längst herbeigeschrieben, man wird sich an Merkels Körpersprache gewöhnen müssen. Die Erotik von Rot-grün ist für die Sensationsindustrie verblasst, die Blässe von Schwarz-gelb ist immerhin neu. Es war Schröders hervorragende Abschiedsgala, doch die Gefühlshand blieb bei dieser Vorstellung bei den meisten von uns wohl im Hosensack.
6.9.
Gehe durch die Münchner City, es fällt auf, daß der bayrische Dialekt hier ein rares Hörerlebnis ist. Durchs Österreichische Prisma der Klischees und Vorurteile betrachtet, handelt es sich ja bei den Bayern grundsätzlich nicht um Deutsche. Dieser Logik folgend sind nun in der Innenstadt der bayrischen Metropole prozentuell bedeutend mehr Deutsche als Bayern anzutreffen. Nun ist das mit den Prozenten so eine Sache. Während man sich einig ist, daß 98,7% im Falle der Übereinstimmung der Genome von Menschen und Schimpansen als beängstigend viel erachtet wird, sind Edmund Stoibers 93% beim CSU-Parteitag enttäuschend und dafür kann man nicht nur die Wahlhilfe von Österreichs Bundeskanzler Schüssel verantwortlich machen.
Man muß natürlich den Demokratiegedanken im Sinne der freien Meinungsäußerung bei solchen Parteitagen hintanstellen, besonders bei jenem der CSU. Umso mehr fällt unter diesen Voraussetzungen auf, daß Stoiber offenbar Kredit verspielt hat. Nicht bundesweit, da gab es kaum etwas zu verspielen, sondern im eigenen Revier. Dabei hatte er sich so viel Mühe gegeben im Spagat zwischen der Bedienung dumpfen lokalen Klientelgedankens und dem Versuch bundesweiten Einfluß der CSU zu restaurieren. Die Schizophrenie zwischen staatstragender Bemühung und eigennütziger Intrige hat wohl zu jener Ossi-Injurie geführt, die ihm sehr Wohlmeinende als Strategie auslegten. Die Wunde der letzten Bundestagswahl heilt nur langsam und Angelas Wahlsieg wäre Salz darin. Ein Rheinländer erzählte mir vor drei Jahren, daß ein Bayer niemals Kanzler würde in Deutschland, dies werde man zu verhindern wissen. Das Interessante daran war, daß es sich bei jenem Rheinländer um einen CDU-Wähler handelte. Dabei sind die Bayern den übrigen Deutschen nicht unähnlicher als etwa die Sachsen oder Hanseaten, aber es gibt eben keine sächsische oder hanseatische CSU. Diese Besonderheit macht offenbar Stoibers Reststärke aus und ist ihm Hybris zugleich. Er wird nach eigenen Angaben zu 50% nach Berlin wechseln und zu 50% Bayrischer Ministerpräsident bleiben. Sollte er prozentuell besser als die FDP abschneiden, könnte er als secundus inter pares eine Art schwerfälliges Zünglein an Angelas Waage spielen. Sonst würde er dem Vernehmen nach einen Wasserträger nach Berlin schicken um selbst vom Süden aus gegen die Regierung polemisieren zu können als wäre er Opposition. Wie auch immer, es scheint, als würde der bayrische Dialekt in der neuen Bundesregierung genauso wenig zu hören sein wie in der Münchner Innenstadt.
3.9.
Um mein geplantes Frühstück informativ zu gestalten, erstehe ich eine deutsche Qualitätszeitung und frage den Verkäufer, wem diese wohl gehöre. Jetzt Ihnen! antwortet er und widerlegt das hartnäckige Gerücht vom humoristischen Schwellenland. Im Ernst sagt er, das wisse man nicht so genau, besonders nach den neuesten Ereignissen. Ein neuer Koloss ist im Entstehen, die Folge sei eine Konzentration im deutschen Meinungsgeschäft. Wir Österreicher finden es sowieso sehr übersichtlich, wenn alles wenigen gehört. Bei uns, wo jede Fernsehredaktion, jedes Gemeindeamt ein kleiner Fürstenhof ist und wo jeder Bahnschrankenwärter wie ein Baron über Zeit und Befinden aller von ihm Abhängigen bestimmen kann, und seine job description auch genauso sieht, ist der Kampf der Meinungen, die Qualität von Diskurs nicht nötig. Hier begleicht nun der Springerverlag eine alte Rechnung mit Herrn Kirch und kann nun extensiver gedruckt und elektronisch Meinung machen. Es geht um mehr, die Demokratie stünde vor einer großen Herausforderung ob dieser Konzentration, stand zu lesen. Nun seien wir doch nicht albern!, würde man in Deutschland sagen. Kaum jemand kauft sich eine Zeitung oder sieht fern um der Wahrheit willen. Es geht um Meinung, ihre Bildung im idealen Fall, im schlechten Fall um Imitation, man läßt meinen in den Medien, man läßt denken und meint und denkt dann das Empfangene nach. Dieses Nachdenken hat mit seinem Namensvetter wenig gemeinsam. Dennoch wird die Mimesis oft nicht erkannt und mit Eigenständigkeit verwechselt. Es soll aber vorkommen, daß zwei verschiedene Medien völlig verschiedene Meinungen vertreten und beider Überschuß finanziell denselben Aktionären zugute kommt. Der neue Geldadel bestellt das Feld, läßt es umpflügen und verdient: egal, wie die Meinungsernte ausfällt. Und als ob die Posse nicht schon schlecht genug wäre, heißt der Chef der Deutschen Bank noch Ackermann und ist aus der Schweiz. So verkündet er jüngst in eben diesem Dialekt, der die Zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht hat, die beste Bilanz seit langem, die seltsamerweise Entlassung für Tausende bedeutet und zwar netto. Der Protest leidet an Laryngitis, die Stimmbänder sind, so scheint's, angeschlagen, man hört ihn kaum.
Beim Verlassen des Zeitungsladens sehe ich im Augenwinkel ein Pornoheft und frage mich, ob dessen Aktionäre bei meinem Zeitungskauf auch mitverdient haben...
2.9.
Telefoniere mit Wien, der Feinstaub ist dort wieder einmal Thema. Man glaubt bei uns, er wäre fast ausschließlich ein Importgut aus dem Osten. Kaum denkbar, wir als Umweltmusterland wären daran beteiligt. Und in der Gemeinschaft, die sich europäisch nennt, muß der Weg frei sein für den Warenverkehr, die Wege für den Atem scheinen sekundär.
New Orleans seit Tagen unter Wasser, man darf gespannt sein auf den Schuldigen. Einmal mehr der Internationale Terror oder nur das Wetter prinzipiell?
Es fällt auf, dass Umweltschutz nicht wirklich vorkommt in diesem inhaltsscheuen Wahlkampf. Ein kleiner Apercu der Linkspartei in Richtung erneuerbare Energie, sonst nichts?
Naturschutz, als Begriff so hip wie Musikcassetten oder Kopfwaschpulver, inkludierte noch den Selbstschutz dessen, der abhängig war vom Schützenswerten. Umweltschutz hingegen trennt Untrennbares, nämlich Mensch und Umwelt. Die Erosion nagt aber nicht nur an Begriffen und Natur, auch jener Star, der mit dem Umweltschutz zu leuchten begann, erodiert fleißig mit. Joschka Fischer ist selbst Programm, mit einer Fraktion im Rücken, die dem Betrachter und ihm selbst nicht ganz so wichtig scheinen. Fischer, in Österreich unliebsam bekannt als Säule jener EU-Sanktionen, auf die man bei Berlusconi später verzichtete. Diese Maßnahmen hatten neben einigen Nachteilen besonders die Dummheit als Begleiter, da sie jene stärkten, gegen die sie gerichtet hätten sein sollen. Nun soll aber Joschka nicht in Österreich gewählt werden, sondern in Deutschland, wo er das Meinungsmeer stürmisch teilt. Er zieht durchs Land, der Begriff Tournee drängt sich hier auf. Man erinnert sich an die vielen Meinungen, die er schon vertrat wie an die Rollen eines Mimen. Er ist ein vazierender Politikerdarsteller im gefährlichen Alter. Mir fällt auf, dass bis auf Merkel alle Spitzenkandidaten Männer im oder kurz vor dem Wechsel sind. Da wird das Ich leicht zum Universum und jenes expandiert bekanntlich. Allemal, ein charismatischer Egotrip als Abschiedsabend ist besser als das Vakuum Westerwellschen Ausmaßes als Preview.
Wird er uns fehlen? Es wird ein Comeback geben, eine Lesetour mit seinem neuen Buch, dessen Inhalt jetzt schon klar ist. Joschka Fischer.
31.8.
Heute Kinobesuch, Sin City, nachdem sich die Faszination des Formalen gelegt hat und die Wiedersehensfreude mit Mickey Rourke verklungen ist, beginnt die Inhaltsleere der Dialoge und die Sinnlosigkeit der Handlung langsam Erosionserscheinungen meiner Aufmerksamkeit hervorzurufen. Zugegeben, das inhaltliche Nichts ist sehr gut ausgeleuchtet, doch die ästhetizierte Gewalt in Schwarz-Weiß, erinnert mich an die Bilder jener Vergangenheit, die dem Gedächtnis vieler Zeitzeugen in Österreich oft schon entschwunden sind. Doch die Zeiten ändern sich. Im selben Maße, wie sich angeblich differente Parteien gleichen, entkoppeln sich Formen und Inhalte. Ich frage mich, ob der Schafspelz des Faschismus die Unterhaltungsindustrie ist und Haltungen immer wieder neue Besitzer finden? Vorgeblich, aber immerhin. So lese ich: Das Ausmaß der gescheiterten Politik ... zwingt dem Wähler die Erkenntnis auf, dass jetzt eine Umkehr erfolgen muss, wenn Deutschland nicht untergehen soll... Angie, bist du das? Ich lese weiter: Die systematische Verarmung breiter Bevölkerungsschichten verhindert zugleich die wirtschaftliche Wiederbelebung in Deutschland.
Es kann im Grunde gar nicht anders sein, da sich die etablierten Parteien kaum noch voneinander unterscheiden und sich völlig vom Mehrheitswillen des deutschen Volkes ... entfernt haben. Oskar, du? Weiter in unserem kleinen Ideologiequiz: Denn mit Sicherheit will ich ein rechtsstaatliches, demokratisches, soziales Deutschland. Deshalb ist nach meiner Überzeugung das Grundgesetz die ideale Verfassung, die den Rechtsstaat garantiert und Rechtsbrüche der Herrschenden in Grenzen hält. Auch die von uns angestrebte direkte Demokratie nach Schweizer Muster ist von der Verfassung gedeckt. Wenn man den Verfassungsbogen etwas überspannt, haben darin auch jene Platz, die im entspannten Zustand draußen bleiben müßten. Morgen geht es in den Pott, bin noch nie dort gewesen, soll nicht so rosig sein, angeblich große Unzufriedenheit und Überdruß ... Schlendere die dunkle, aber kontrastreich ausgeleuchtete Leopoldstraße entlang, bin verwirrt nach diesem Film. Die vorigen Aussagen stammen übrigens von Dr. Gerhard Frey, dem Vorsitzenden der DVU ...
30.8.
Heute ein Ausflug nach Berlin, besichtige den Gendarmenmarkt, den man hier genauso ausspricht, wie man ihn schreibt. Berlin wirkt eigentlich wie mehrere Städte. Der Reiz dieses Konkubinats besteht offenbar in der Disharmonie jener Teile, die das Bemühte, hier eine Hauptstadt wiedererstehen zu lassen, überstanden haben. Die Menschen hier sind freundlich, was im Bewußtsein eines Wieners sofort als ungewohnt registriert wird. Ich lebe in einer Stadt, wo ernsthaft überlegt wird, die Grantigkeit der Kaffeehausober als Weltkulturerbe anzumelden. Offenbar hat man hier ziemlich schnell versucht die DDR auszuradieren, doch kehrt sie nun teilweise zurück, zumindest in den Träumen der Sozialromantiker. Die Linke geht hier wieder ein bißchen um, sie macht Parteitag und fordert Mindestrente und Mindestlohn für alle. Die Theorie klingt hier vernünftig, die Praxis wird man nicht bemühen müssen. Mit Lafontaine entstand eine neue Spezies, der Talkshowlinke, brillant, gewandt, ein Großmeister dieser Romantik. Ihm wirft man nun vor, die Hoffnung, sonst eher in der Zukunft wohnhaft, in die Vergangenheit verpflanzt zu haben. Sein Lebensstil wird thematisiert und nur der Groll gegen den Kanzler treibe ihn politisch an. Alles Vorwürfe weit außerhalb des Arguments, sollen den Politiker schwächen, nicht seine Forderungen. Denn es existieren in diesem Programm der Linken auch illusionsfreie Passagen, wie die Umkehr zu erneuerbaren Energien bis 2050 oder die Abschaffung des Studiengelds. Die Eitelkeit des Oskar Lafontaine wird aufgewogen gegen die Erhöhung der Bildungsausgaben auf 6%. Dieser Wahlkampf ist bisher gekennzeichnet von einer Berührungsangst mit Inhalten, aber was ist nun wirklich das Problem? Man kann den Linken Wählertäuschung vorwerfen, gut, wem nicht? Man kann ihnen entgegenhalten mit Sehnsüchten der Bevölkerung leichtfertig umzugehen, aber auch das ist kein Spezifikum. Vielleicht ist es viel einfacher: durch die Linke ist die Gefahr der Paralyse gestiegen. Diese Lähmung, besser bekannt unter Große Koalition, könnte Deutschland ab Oktober befallen. In Österreich hat sie außer Stillstand unter anderem Jörg Haider hervorgebracht. Ein deutscher Haider hätte mehr als nur lokale Bedeutung. Gehe über den Gendarmenmarkt, sehe ein Plakat der Union und spüre plötzlich eine leichte Lähmung meine linke Gehirnhälfte hinaufkriechen ...
27.8.
Ein paar Sonnenstrahlen durchziehen sanft die Straße des Occam in München. Der alte Nominalist hätte heute seine Freude nicht nur mit dem Wetter und ich frage mich, ob manche Dinge wirklich nur als Namen existieren. Als Österreicher lebt man ja quasi ständig mit der Diskrepanz, daß Gesagtes und Gemeintes nicht identisch sind. Man hat den Deutschen kürzlich nun erlaubt zu wählen und besonders diese Zeiten vor der Wahl produzieren gerne Hülsen. Vergangenheitsbewältigung zum Beispiel, nichts ist in diesem Land der Dichter und der Denker so fatal wie ein falsches Wort. Die falsche Geste, der falsche Blick stören nicht so, man ist hier nicht besonders theatralisch. Vergangenheitsbewältigung aber ist nicht möglich, denke ich, lediglich Gegenwartsbewältigung, die vor dem Hintergrund einer bestimmten Vergangenheit erfolgt. Doch der Relativsatz ist kein Publikumsliebling. Das Schlagwort, wenn auch falsch, triumphiert wie immer. Oder die Deutsche Einheit. Die Mauer steht hier nach wie vor, bloß in einem neuen Aggregatzustand. Der Osten blieb ein Nachbarstaat, aus dem man gern herüberwandert, abhängig von Transferleistungen, der fast die gleiche Sprache spricht, wenn auch aus einem andern Mund. Und eben diese Sprache verheißt aus den Kehlen der Schönredner zu feierlichen Anlässen sinnlose Durchhalteparolen, die zum einzigen Asyl eben dieser Deutschen Einheit wurden. Die Wahrheit macht ab jetzt Urlaub bis Oktober in irgendeinem Land, wo gerade keine Wahlen sind. Die Deutsche Einheit ist ein Folgemythos jener Deutschen Wiedervereinigung, die unprofessionell und überhastet zwar, doch wirklich stattfand, nur noch nicht in den Köpfen angekommen ist. Diese Ankunft ist im übrigen auf unbestimmte Zeit verschoben. Deutschland träumt mehr denn je den Traum von einer sozialen Demokratie, die Sozialdemokratie muß darin gar nicht vorkommen. Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben, wußten schon Horkheimer und Adorno, doch was der Doppelclown, wie Brecht sie nannte, nicht wußte war, daß es der Wahlslogan von der Union sein könnte für die nächsten Wochen. Die Sonne überläßt Schwabing der Dämmerung, ich biege in die Haimhauser Straße, bekomme Lust auf typisch deutsche Küche. Kaufe mir ein Kebab, das genauso schmeckt, wie es heißt und aussieht. Bin überrascht und Occam wäre es mit mir.
26.8.
Der Papst ist weg und hinter ihm die Flut. Süddeutschland zum Teil unter Wasser, Portugal hingegen kann seine Brände nicht mehr löschen ohne fremde Hilfe. Die Umwelt ist ermüdet, aber es keimt Hoffnung, die Rolling Stones erstmals mit klarer politischer Botschaft in ihren Liedtexten, liest man. Gemeint ist hier nicht Angie als Begleitmusik für Merkels Auftritte, obwohl der Text in diesem Fall nicht uninteressant scheint. Angie, ain't it time will say goodbye. With no loving in our souls, and no money in our coats. You can't say we're satisfied Leichtsinnig zu glauben, nur wegen Pisa verstünde hier keiner mehr Englisch. Die Stones also erstmals mit klaren politischen Inhalten, das würde man sich auch von Westerwelle wünschen. Weitere Parallelitäten fallen auf, zumal beider Auftreten nicht unbedingt altersadäquat scheint. Was will Guido eigentlich, fragt man sich. Was weiß man über diese rätsellose Sphinx? Er stellt kein Kompetenzteam vor, wir müssen es uns vorstellen. Wir kennen seine sexuelle Inklination, gut, das wäre aber nicht einmal in Österreich bereits Parteiprogramm. Sein Programm heißt Fun. Merkels Zuversicht und Westerwelles Fun, das ist die Musik für Deutschlands Zukunft, ein Zweitaktergemisch, Beachvolleyball und dazu Rolling Stones, ey! Nein, da muß doch mehr dahinter sein, ich frage meine Zimmerwirtin, ob und wo es Internet gäbe hier in München, sie meint, ja und zwar in ihrem Laptop. Bin schon wieder meinem Vorurteil gegenüber einem wirtschaftlichen Schwellenland erlegen. Suche also nach Inhalten von Westerwelle. Freiheit braucht Mut lese ich, welcher Freiheitsbegriff ist hier gemeint, welcher bietet wohl am meisten Spass? Wir wollen eine liberale Bürgergesellschaft, in der die Bürger über die Zukunft Deutschlands mit entscheiden und an demokratischen Entscheidungsprozessen teilhaben. So steht es hier also um die Demokratie, daß man dies alles erst fordern muß, man macht sich Sorgen. Als Gebrauchsanweisung für die politikinteressierte werte Leserin, dann noch ein Hinweis, der mich überzeugt. Um den Text lesefreundlicher zu gestalten, wird auf eine geschlechterspezifische Unterscheidung verzichtet; so steht bspw. der Begriff Bürger neutral für Angehörige beider Geschlechter. Versteht man, Bürgerin, Ärztin oder Bäuerin kostet einfach zu viel Internettinte. Die Zeiten sind schlecht, man muß sparen, wo man kann. Verantwortungsvolle Politikerinnen wie Westerwelle wissen das... Zieh mir eine Jacke an und schlendere in den Englischen Garten, ein englischer Text geht mir nicht mehr aus dem Kopf. All the dreams we held so close seemed to all go up in smoke... Angie, Angie...
24.8.
Frühstück in der kleinen Herberge in München, es gibt Kaffee, der müde macht und Brötchen, das sind keine kleinen Brote, sondern Semmeln. Und eben diese Semmeln, nur kleinere, müsse Deutschland ab jetzt backen, sagt meine Zimmerwirtin. Noch bevor mein Atemholen für eine Zwischenfrage abgeschlossen ist, weiß sie den Grund die Ossis. Ob sie da im speziellen Frau Merkel meine, frage ich. Sie offenbar immunisiert gegen Ironie klärt nun mich, den Ösi auf über die Ossis. Wir wissen ja nicht, was das heiße, 15 Millionen Arbeitsscheue hoch zu füttern und so weiter und so weiter... ihre Befreiung einen generellen Schuldigen gefunden zu haben sättigt die Luft des Frühstückszimmers. Habe Angela Merkel übrigens im hiesigen Staatsfernsehen gesehen. Letzteres muß betont werden, da in diesem Schwellenland trotz aller wirtschaftlichen Probleme Privatfernsehen existiert. In Österreich heißt Fernsehen fast ausschließlich staatlich, die Mediensituation bei uns ähnelt der in Kasachstan, ist nur nicht ganz so liberal. Private Bilder ohne Einfluß der Politik sind da fast unmöglich. Hier zappt man dreißig Kanäle durch und nur das Logo macht den Unterschied. Die Regel, daß Konkurrenz Vielfalt schaffe, scheint beim Fernsehen seine Ausnahme gefunden zu haben, hier entsteht durch Konkurrenz oft Einfalt. Angela Merkel bei Christiansen also, ein Schauspiel. Merkel spricht Texte von Fremden, die ihr selbst fremd bleiben. Man kennt das von unterdurchschnittlichen Theaterabenden, wo Text und Schauspieler getrennte Wege gehen. Doch Angela ist fleißig, sie ist gebrieft, sie kann ihre Antworten auswendig, besonders die auf Fragen, die man gar nicht stellt. Dumm nur, wenn etwas ungeplant: Ob sie es auch so weit gebracht hätte mit Kindern?, die Augen zittern. Dann spricht die Kinderlose über die Vereinbarkeit von Job und Kindern, man glaubt ihr wenig. Egal, ob Mehrwertsteuer rauf, die Lohnzusatzkosten runter, Kirchhof, ja und die Türkei, wo liegt der Unterschied zwischen Vollmitgliedschaft und privilegierter Partnerschaft? Klingt eher nach emotionalem As im Ärmel, wenn der Wahlkampf heiß wird. Was muß sie, die sich George W. Bush anbiederte in Sachen Irakkrieg, dem amerikanischen Bündnispartner bieten? Wir habens nicht erfahren. Den Kündigungsschutz mit Bürokratieabbau aufzuwiegen ist endlich Klarheit, das weiß man, was man hat..., Zuversicht sei es, die sie den Leuten mitgeben will und redet alles schlecht. Die Zuversicht der Angela Merkel wirkt wie der ungelenke Zuspruch des Animateurs in einem bereits halb leeren Freizeitclub am 2. November in Mallorca. Armes Deutschland, denke ich, ich habe Deine Probleme aus der Entfernung wirklich unterschätzt. Gehe auf die Straße Richtung Viktualienmarkt, es beginnt wieder zu schütten, das ist vielleicht die letzte Chance für Gerd Schröder...
22.8.
Heute Aufbruch, von der OECD abberufen als Wahlbeobachter in ein befreundetes, benachbartes wirtschaftliches Schwellenland. Man kennt den Deutschen an sich ja nicht so richtig, höchstens als Tourist. Soll aber im eigenen Land ganz in Ordnung sein. Kofferpacken, schwierig, was kann ich mit nehmen? Man hört, es gäbe nur Kaffee auf der ersten Silbe betont, für einen Wiener schmeckt das Getränk dann fast wie Tee. München als Basislager, dann Expeditionen in den Norden, auch der ehemalige Osten soll dabei sein, über den man sich hier wundersame Dinge erzählt. Arbeit, Familie, Vaterland ist dort ein Slogan diesmal von der CDU. Wenn dieser Osten ehemalig ist, wo ist dann jetzt Osten? Rein in den Zug, Abschied vom satten, vollgefressenen Balkan, Passau, keine Grenze mehr, doch eine Schwelle, zwischen arm und reich. Wenigstens keine Sprachbarriere, komme hier recht gut durch mit meinem Deutsch. Der Zug wird langsamer, die ersten Dörfer, wenig Asphalt, Kinder spielen in Regenlacken, beschämt blicke ich auf mein neues H&M T-Shirt, man hat ja schon einiges gehört über die Produktionsbedingungen der Großkonzerne. Ich glaub, ich mag dieses Land mit seinen einfachen, zufriedenen Menschen... In München angekommen, schlichtes Quartier, aber sauber. Kaufe Zeitungen, bin überrascht, lese Argumente, Profundes, Seriöses. Wenn man aus einem Land kommt, wo eine Zeitung auf Augenhöhe mit der Bild die Meinung bildet, überrascht das. Es gibt das also doch, Medien als Informationstransmitter. Ist vielleicht wie mit dem Kabarett, wenn die wirtschaftliche Situation schlecht ist... In der Zeitung: Ein Photo von Herrn Stoiber, ein begeisterter Redner, sagt man, ein Cicero unserer Tage daneben Angela Merkel. Wirkt weniger wie Politik, eher wie Folklore. Sie hat ein Kompetenzteam neuerdings, die Steuer sollte gestern noch flach werden, heute dann doch wieder nicht, die Kompetenz wechselt scheinbar täglich... Umblättern, man liest, den Deutschen fehle es an Optimismus, blättere zurück auf das Stoiber-Merkel-Photo und verstehe. Dahrendorf fordert eine optimistischere deutsche Politikersprache: statt Deregulierung wäre better regulation, statt Reformen Modernisierung angesagt. Neue Begriffe für alte Inhalte Psychologie also statt Politik. Ist Optimismus eine Form von Informationsmangel?
Gehe durch die Fußgängerzone und schau mir die Menschen an. Manche sehen aus wie daheim und doch nicht unsympathisch. Die Krise, nur subcutan spürbar, dennoch keine Resignation. Nicht wie in Wien, wo auch geraunzt würde über Vollbeschäftigung. Fast so was wie Aufbruchsstimmung oder doch nur Optimismus?
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