”Ist Optimismus nur eine Form von Informationsmangel? ”
Vom Humor, der in der Tragödie liegt, vom Scheitern eines Mannes Ende 30.
Peter Krobath sprach mit Alfred Dorfer und Peter Payer am 28. November 2002 über den Kinofilm "Ravioli".



Peter Krobath: Was soll man den Leuten sagen, die sich fragen, warum Alfred Dorfer in "Ravioli" auf jeden Schmäh verzichtet, wieso deine scharfsinnig pointierten Spitzen zur Lage der Nation gar nicht mehr vorkommen?

Alfred Dorfer: Kommt das nicht mehr vor?

PK: Zumindest nicht in witziger Form.

Alfred Dorfer: Wir haben versucht Elemente des Bühnenstücks filmisch umzusetzen. Als wir dann 45 Minuten hatten, haben wir aus Leichtsinn beschlossen, das Projekt auf Kinolänge auszudehnen. Und je länger wir daran arbeiteten, desto mehr hat sich der Film vom
Bühnenstück entfernt und damit auch vom Kabarett im Film. Der Humor in "Ravioli" ist schwarz und bitter. Wir wollten eine Tragikomödie machen, wo der Humor nur im Dienste der Geschichte steht.

Peter Payer: Genremäßig ist "Ravioli" wahrscheinlich schwer zu definieren, was ich aber nicht als Nachteil empfinde. Dieser Film versucht einen Grat bewandern. Vielleicht liegt dieser Grat an einem gemeinsamen Schnittpunkt von Sozialdrama, Satire und Tragikomödie. Wir erzählen die Geschichte eines Arbeitslosen und es wäre Verrat an der Figur, wenn Humor bei diesem Thema zu sehr exponiert werden würde.

PK: Alfred Dorfer hat das Drehbuch zu "Ravioli" geschrieben und ist als Hauptdarsteller in jeder Szene des Films zu sehen. Inwieweit war der Regisseur hier in die Entwicklung des Stoffes involviert?

Peter Payer: Die Person des Heinz Hoschek haben wir gemeinsam entwickelt. auch die Dramaturgie der Geschichte ist in Kooperation entstanden.

PK: Wie habt ihr an der doch recht eigenwilligen Bildsprache von "Ravioli" gearbeitet?

Alfred Dorfer: Die Bilder, die ich im Übrigen großartig finde, sind allein Peters Verdienst.
Ich habe mich da gar nicht eingemischt.

Peter Payer: Die Bildsprache oder die Umsetzung eines Stoffes ergibt sich zwanghaft schon aus der Arbeit am Buch. Schon da beginnt man im Hinterkopf Muster zu entwickeln. Wir wollten keine Sozialromantik erzeugen ... und das ist eine ganz große Hürde. Natürlich versucht man immer das richtige Bild zu finden, aber da das richtige Bild manchmal auch ein schönes ist, wird damit auch das Elend, das ich abbilde, schön und glatt. Da habe ich versucht, in Zusammenarbeit mit dem Kameramann einen Weg zu finden, der das Leben des Heinz Hoschek einerseits verfolgbar macht, andererseits aber auch nicht verrät. Der Rest ist eine Kombination aus Bildausschnitt, Licht und Farbdramaturgie.

PK: Ich habe es interessant gefunden, dass Bilder, die eigentlich real sind, etwa wenn sich Heinz Hoschek an den Strandurlaub mit seiner Familie erinnert, von der Bildsprache her irrealer wirken als alles andere.

Peter Payer: Wir haben all diese ”Sehnsuchtsbilder” auf Super 8 gedreht, weil das ein Medium ist, dass in unserer Generation, in unserem Kulturkreis automatisch Assoziationen auslöst wie in diesem Fall ”Wohlfühlen, Sonne, Wasser”. Dieses Medium steht in unserer Erinnerung für Sehnsüchte.

PK: Wie lang dauerten die Dreharbeiten?

Peter Payer: Wir haben vierzehn Tage gedreht, an einem durchschnittlichen
österreichischen Kinofilm dreht man kaum unter 30 Tagen. Das war nicht sportlicher Ehrgeiz, sondern finanzielle Notwendigkeit. Für die Herstellung von "Ravioli" hatten wir ein Gesamtbudget von etwa 220.000 Euro. Es war ein Entlangtasten an den Grenzen des Möglichen. Wir haben dem außergewöhnlichen Engagement aller Beteiligten und ihrer Euphorie für das Projekt das Gelingen zu verdanken.

PK: Warum habt ihr es so billig gegeben?

Peter Payer und Alfred Dorfer: Das hat sich so ergeben.

PK: Es ist schwer zu sagen, in welcher Welt der Film spielt. Spielt "Ravioli" in der Realität in der Phantasie?

Alfred Dorfer: "Ravioli" ist ein ständiges Wechselspiel zwischen Realität, Phantasie und Erinnerung. Diese drei Ebenen wechseln sich ab, wobei die Frage "Was ist Realität?” sowieso eine sehr knifflige ist. Wenn Spielfilme versuchen "Realität" zu zeigen, dann stellen sie sie ja nur her. Jeder Mensch bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Vorstellung, wirklich Erlebtem und Erinnerung. Ich glaube, keiner kann so genau sagen, ob die Realität dabei nicht schon längst von seinem Wunschdenken eingefärbt wurde, ob seine Wahrnehmungen nicht doch von Erinnerungen beeinflusst werden. Genau mit diesen Ebenen spielt der Film – und das ist wiederum eine sehr reale Ebene.

PK: Also abgesehen von den Sequenzen, wo zum Beispiel der Tod persönlich im Zimmer von Hoschek sitzt, soll man sich die Frage gar nicht stellen, ob das jetzt wirklich real ist oder ob er sich da schon längst in einem Valium-Tagtraum befindet?

Peter Payer: Der Hoschek macht innerhalb seiner Verzweiflung schon auch eine
Entwicklung durch. Das beginnt real aber gleich nach dem Begräbnis der Mutter beginnt er über den Anfang des Seins, und zwar seines konkreten Seins, nachzudenken. Mit Valium und Alkohol wird die Realitätsflucht natürlich immer stärker, nimmt immer abstrusere Formen an.

PK: Zeigt "Ravioli" das Porträt eines Menschen, der sich aufgibt?

Alfred Dorfer: Es ist eher das Porträt eines Menschen, der aufgegeben wurde. Aber wenn man an den sozialen Rand gedrängt wird, ist die Schuldfrage nicht primär. Sehr schnell entsteht eine heikle politische Debatte, die sogenannte Sozialschmarotzer-Diskussion – und das halte ich für gefährlich und lasse die Schuldfrage dabei bewusst aus. Wir zeigen, wie es einem Menschen in so einer Situation geht. Welche Fluchtmöglichkeiten hat er? Ist es so, dass ein Mensch, der nicht zuhören kann, dafür umso mehr Stimmen in sich hört? Dass die Gedanken, die Visionen, die Erinnerungen immer stärker werden?

Peter Payer: Für einen Menschen wie Hoschek ist das ja ein verzweifelter, aber mutiger Schritt, eine Saisonarbeit wie die eines Bademeisters anzunehmen, die nur für sechs Wochen Sicherheit gibt und dann fängt alles wieder von vorne an. Sicher ist der ehemalige Beamte Hoschek, ein klassischer Vertreter des Mittelstands, über große Strecken, die wir ihn begleiten, in Selbstironie und Selbstmitleid versunken. Aber in diesem Punkt macht er doch einen wesentlichen Schritt. Das heißt, er gibt sich nicht auf, nicht wirklich.

PK: Inwiefern zeichnet "Ravioli" ein Bild der gegenwärtigen Situation in Österreich?

Peter Payer: Es ist ganz sicher ein Statement zu einer gesellschaftlichen Situation, die aber gar nicht nur auf Österreich beschränkt ist.

Alfred Dorfer: ....wobei wir jeden sozialromantischen, augenzwinkernden Umgang mit Elend vermeiden wollten.

PK: Und gerade das ist wohl auch der Grund, warum es eben keine leichten Lacher im Film gibt?

Alfred Dorfer: Wir wollten, dass dieser Film nicht depressiv macht, aber dieses Thema auch nicht verraten. Bei einer Komödie hat man Distanz zum Thema, bei einer Tragödie nicht. Aus Distanz heraus kann man Geschichten humoristisch erzählen. Aber Humor heißt ja nicht, dass man schallend lachen muss, sondern dass diese Distanz, diese Selbstironie, dieser Abstand zur Figur auch transportiert werden kann.

PK: Gibt es im internationalen Raum Filme oder Stilrichtungen, an denen ihr euch bei der Arbeit an "Ravioli" orientiert habt?

Peter Payer: Internationale Leitbilder gibt es für "Ravioli" eigentlich eher wenige, weil wir da mit der Größe des Projekts automatisch an Grenzen gestoßen wären. Natürlich kann ich mir die Filme von Ken Loach oder Mike Leigh anschauen, die ähnliche Figuren beleuchten, oder neuere mexikanische Filme, die mit Bilddramaturgie interessant umgehen, nur haben die alle einfach ganz andere Rahmenbedingungen gehabt.

PK: Kann man sagen, dass Alfred Dorfer mit dieser Rolle sein Image bricht, oder ist das eine Interpretation, die eurer Meinung nach nicht zulässig ist?

Alfred Dorfer: Ich kann über mein eigenes Image relativ wenig sagen. Vielleicht werden sich manche Menschen etwas Anderes erwarten, aber wenn man nie etwas Neues versucht, entwickelt sich auch nichts. Wir wollten eher eine Geschichte erzählen, denn ein Image
brechen.

Peter Payer: Aus der erstmaligen Zusammenarbeit und unser beider Biographien hat sich zwangsweise etwas Neues ergeben.