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profil vom 14.5.2001 unter der Coverstory Zur Lage der Nation"
Romantisches Land" von Alfred Dorfer

Die Romantik ist eine der reizvollsten Epochen unserer Kultur, inspiriert durch Vorstellungen von Landschaften mit Burgruinen im Mondenschein und wandernden Gesellen. Eine Wiederbesinnung greift Raum, die tiefer, faustischer gleichsam das Irrationale ahnt, welches in Form der Suche nach der blauen Blume das ganze Leben, oft dämonisch, prägt. Vertraut durchströmt es unsern Busen, wenn unser aller Widersacher, das ewig wiederkehrende Morgen, besungen wird. Muß immer der Morgen wiederkommen? Endet nie die irdische Gewalt? Die Sehnsucht nach dem Tode euphorisiert noch heute. Die Lust der Fremde ging uns aus, zum Vater wollen wir nach Haus. Was hält noch unsre Rückkehr auf, die Liebsten ruhn schon lange. Die Liebsten, welche diesen Superlativ erst durch ihr Ruhen verdienen, ruhen laut.
Jede Hauptzeit hat ihren Stil hinterlassen, warum wollen wir nicht versuchen, ob sich nicht auch für unsere Zeit ein Stil finden läßt? Überall ist man nur da lebendig, wo man Neues schafft. Schinkels Worte hallen noch heute in den Ställen der Vergangenheit, welche die neuen Türme des Lesens überstrahlen. Die Giganten unserer Sprache nahmen heutigen Familiensinn vorweg. Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe, wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe. Flicken zerrissene Pantalons aus, kochen dem Mann die kräftigen Suppen. Putzen den Kindern die niedlichen Puppen. Halten mit mäßigem Wochengeld Haus!
Der damalige Aufbruch Schillers, dessen Analogie zu jetzigen Tagen unleugbar scheint, gepaart mit einer neuen Kraft als Freude im Überwinden des ewig Retardierenden, wie zehren wir davon. Es zogen zwei rüstige Gesellen zum erstenmal von Haus, so jubelnd recht in den hellen, klingenden, singenden Wellen, des vollen Frühlings hinaus. Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküßt. Die Geschwindigkeit als Therapeutikum gegen Weltschmerz, die Rasanz als Medizin zur Linderung des inneren Vakuums, wie seelenverwandt und doch schmerzvoll weht es zu uns aus frühern Zeiten. Vor Kälte ist die Luft erstarrt, es knirscht der Schnee von meinen Tritten. Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart, nur fort, nur immer fort geschritten! Der Wille als Motor, keine bloße Hypostase, keine Beliebigkeit, keine conclusio ex praemissis, nichts Sekundäres also vielmehr als Unbedingtes, die Prämisse aller Prämissen, beherrscht die Zeit. Der Wille zum Leben, der Wille zur Macht. Umwelt und Gesellschaft existieren in erster Linie als Wille und Vorstellung. Nur scheinbar kontradiktorisch ging quasi parallel die Glorifizierung des Refugiums einher. Die heute längst verschüttete, verloren gegangene Rückbindung an den Urquell der Kraft. Die Rückbesinnung auf das originärste Umfeld, wenn Markt und Straßen verlassen sind und jedes Haus hell erleuchtet ist. Was kann ersetzen die eignen vier Wände?
Wo sind die Auswege aus dem Labyrinth unsrer heterofinalen Zeit? Wie signifikant klingt uns das Klagelied des Hyperion im Ohr, wie familiär ist uns diese Geworfenheit. Doch uns ist gegeben, auf keiner Stätte zu ruhen. Es schwinden, es fallen die leidenden Menschen blindlings von einer Stunde zur andern, wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen. Wo sind die Bewahrer der kleinen, homogenen Strukturen? Wer schützt die Polis vor dem Moloch der Globalisierung, des Übergriffs multinationaler Netzwerke? Wann tritt der zeitgenössische Demosthenes auf den Plan, um uns, gleichsam in letzter Sekunde, aus der Brandung der Zeit zu retten? Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus und liebender Geschwister Umarmungen, begrüß ich bald und ihr umschließt mich, daß, wie in Banden, das Herz mir heile.
Anämisch werden unsere Gesichter angesichts des dysteleologischen Chaos unsrer Tage in Gegenüberstellung mit fernen, längst verblichenen romantischen Idealen. Sie hat einen anderen genommen, ich war draußen in Schlacht und Sieg, nun ist alles anders gekommen. Ich wollt s wär wieder erst Krieg.
Ein neues Gespenst geht um in Europa, es ist die Antithese des alten. Was sollen wir tun, wenn alles fließt? Sahst du ein Glück vorübergehen, das nie sich wiederfindet, ists gut in einen Strom zu sehen, wo alles wogt und schwindet. Wer gibt uns Schwerkraft in diesen wogenden Zeiten, wo ist der Anker, der das Meer der Wirrnis teilt, um dann im festen Sand der sicheren Gestade uns zu retten vor dem Schwinden? Müde sind wir, gehn zur Ruh, was wird die Zukunft bringen? Das Unabänderbare abzuändern ist unsre Sache nicht. Morgen früh, wenn Gott will, wird man uns wecken. Wir werden aufstehen, doch alle anderen sind schon fort. So weit man sehen kann, nun geht das Wandern an. Wer zurückbleibt, spart sich Heimweh und die Ferne ist zu weit. So bleibt es uns zu singen nur so manches Klagelied. Das Schmachten und die Larmoyanz, zwei sichre Waffen im Kampf gegen den Weltschmerz. Und wieder ist es Herbst, entblättert stehn die Bäume. Dem dürren Laube gleich, verwehen meine Träume. Die Zuversicht, sie soll uns führen: Schweig Herz, kein Schrei, denn alles geht vorbei! Und meine Seele spannt weit dann ihre Flügel aus, fliegt durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.
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