Profil vom 19.12.2005: „Ende ohne Schrecken“


Wenn das Ende an sich nicht endgültig wäre, hätte es seinen Kredit verspielt. Das Ende ist im seltensten Fall Publikumsliebling, die Versuche seiner Relativierung sind Legion. Die Hoffnung das Ende seiner Endlichkeit zu berauben, schwingt hier mit, doch hat man diesbezüglich natürlich Erwartungen, zumindest was die Verläßlichkeit betrifft. Jedoch ein oftmals prophezeites, nie eintretendes Ende nervt. Nun reden wir hier von einem Experten des wiederholten Abgangs und der ungebetenen Zugaben, vom Großmeister des uneingeforderten Comebacks – von Jörg Haider. Sein politisches Ende wird medial wieder einmal prophezeit – der Begriff ist übertrieben, im Sporttoto würde man von einer Einserbank sprechen – der Lack sei ab, das Alter, vielleicht auch die Gesundheit, der Lebenswandel und ähnliches bringt man eifrig als Argument um von der jahrelangen Cashcow in Sachen Auflagen noch im Abgang etwas lukrieren zu können. Die Heuchelei der Ablehnung seiner Person im Dienste der demokratischen Sache bei simultanem Spiel mit dem Suspense seiner Erscheinung gehörte zum Tagesgeschäft des Konkubinats von Politik und Medien in den letzten zwei Jahrzehnten dieses Landes. Haltungslose Kokettierie mit dem geheimen Kribbeln, ausgelöst durch die dunkle Seite von Haiders Macht, bei gleichzeitig beflissenem Dokumentieren der Ablehnung, war nur selten schön anzusehen.
Das konzentrierte Meinungsgeschäft Österreichs hatte einen Star, zu dem man nicht stehen durfte, eine ganz und gar nicht heimliche Kurtisane, die sogar noch Geld einbrachte und von der man aus genau diesem Grund auch nicht lassen konnte. Anstatt seine Person, seine Ansichten, seine Charakterstruktur gründlich zu durchleuchten, also kritischen Journalismus zu betreiben, führte man ihn immer wieder ins grelle Licht der Manege. Seine Attraktion auf dem Politjahrmarkt wurde ausgeweidet und sukzessive machte man durch seine bildhafte Omnipräsenz bewußt und unbewußt auch seine Ansichten breiter zugänglich. Eindrucksvoll wurde hier quasi als Kollateraleffekt Inhalt mitgeliefert, wo vielleicht nur Sensation Platz haben sollte. Irgendwann war der Punkt erreicht, wo der Ullrichsberg gedanklich marginalisiert wurde durch die Gesichtszüge des Protagonisten, seine sportlichen Aktivitäten und pointierten Anwürfe, die noch dazu in manchen Fällen nicht unberechtigt waren.
Haider verdankt seinen Aufstieg also unter anderem einer Medienkonstruktion, die Österreich einmalig macht und durch die Entwertung der Öffentlichkeit demokratische Prozesse meist nur mit angezogener Handbremse ermöglicht.
Oftmals wurde auch angeführt, die hysterische Emotionalität der EU-Sanktionen sei besonders in Deutschland, Belgien oder Frankreich auf die dort herrschende Angst vor einem potentiellen autochthonen Haider zurück zu führen gewesen. Mag sein, daß in Zukunft nach einem Scheitern der amtierenden Großen Koalition in Berlin das Vertrauen in die deutsche Parteienlandschaft nachhaltig erschüttert wäre und bei einer gewissen Konstellation ein haider-ähnlicher Tribun groß werden könnte, unwahrscheinlich, aber immerhin. Allemal wäre dann in Deutschland die Begleitmusik der Medien eine andere, differenziertere, als in Österreich.
Der zweite Elternteil auf Haiders politischem Weg war die SPÖ-ÖVP Koalition. Die dadurch hervor gerufene Paralyse war genau der Aggregatzustand, der ihm am meisten entgegen kam. Sein unbestrittenes Charisma war jenes der Reaktion, der Negation, der Antithese. Die zumindest partiell zutreffenden Kernpunkte seiner Kritik waren der trügerische Hoffnungsschimmer, die Wählertäuschung für jene 27%, die 1999 bei weitem über reine Protestwähler oder gar Rechtsradikale hinausgingen.
Der entscheidenste und unverständlichste Fehler Haiders, der mit einer seltsamen immer wieder kehrenden Abschlußschwäche ausgestattet ist, war der Regierungseintritt im Februar 2000. Schüssel und Haider, beide unterschätzten einander und nur einer konnte da Recht behalten. Die Sanktionen kamen und stärkten in ihrer Arroganz jene, gegen die sie gerichtet hätten sein sollen. Ein provinziell-nationaler Schulterschluß war die Folge, den Schüssel geschickt kanalisierte und von dem Haider nicht profitieren konnte. Österreichs Medien, die in dieser Zeit wenig Berührungsängste mit dem Provinziellen zeigten, taten das Übrige. Schüssel rückte erstmals ins ernst zu nehmende Fach für die Bevölkerung und die Bühne war nun frei für ein „Wir sind wir“-Spektakel in einem Akt, die Weisen kamen und gingen wieder, die Sanktionen verdampften, der schlechte Ruf blieb.
Haider wurde vermeintlich aufs Regionale reduziert, hatte allerdings einen langen Arm in die Regierung. Und Schüssel war plötzlich Schulterschlusskanzler. Sollte es also der fragwürdige Verdienst des Kärntner Landeshauptmanns bleiben, aus Schüssel den Wendekanzler gemacht zu haben, statt ihn in die Archive der 2. Republik eingehen zu lassen, was er die Jahre vor den Sanktionen war, nämlich die etwas drollige ÖVP-Kaderkraft mit Mascherl?
Waren nun die österreichische Medienlandschaft und die Große Koalition der eigentliche Humus für sein Robin Hood Image, ein Charisma, das Haider als Kämpfer für die Entrechteten und Unterdrückten begleitete, beschränkte man sich bei den politischen Gegnern auf die Ausgrenzung seiner Person und Partei. Braune Absonderungen Haiders in den 1990er Jahren brachten ihm unter anderem auch den temporären Verlust des Kärntner Landeshauptmannsessels ein. Die in der Folge in gewisser Regelmäßigkeit wiederkehrenden Anbiederungen in diese Richtung wurden im Nachhinein mit halbherzigen Entschuldigungen bedacht.
Nun war das Kokettieren mit Stimmen des äußersten rechten Randes nur eine, wenn auch abstoßende, Facette im Haiderschen Repertoire. Dieser Begriff scheint hier adäquat, da man das Phänomen nicht ergründen kann ohne Berücksichtigung von Haiders Umgang mit Kostüm, Maske, Auftrittsplanung- und choreographie. Seine Wahlkämpfe waren revolutionär im Österreich der 1980er Jahre und mit Tourneen vergleichbar, das gegebene Stück und die damit verbundene Sprache hing vom jeweiligen Publikum ab, das Nazimelodram wurde mit der Zeit nur Teil des Repertoires und im Laufe der Jahre selbst bei ihm etwas in Ungnade gefallen, da man damit keine Häuser mehr füllen konnte. Seine Politik war Schauspiel und adoptierte sein Publikum ohne Rücksicht der politischen Provenienz. So scharte Haider bis zum Jahre 1999 politisch Unzufriedene und Parteienflüchtlinge aller Couleurs in seinem Theater und sie genossen das monothematische Einpersonenstück mit vielen Umzügen.
Sein Charisma entzog sich vorerst nicht nur Khols Erfassungsbogen und war enden wollend, nämlich, wie erwähnt, mit der Übernahme von politischer Verantwortung seiner Partei in der Regierung. Die Entzauberung des Mimen ging nun rasant vor sich und sein Heischen nach Rampenlicht wurde in der Folgezeit immer verzweifelter. Seine Performance war des Themas beraubt, die übriggebliebene Form war kein Publikumshit mehr. Seine Störfeuer, mit dem potentiellen Damoklesschwert der Regierungskrise ausgerüstet, wurden von Mal zu Mal weniger beachtet und nur Insider und Statistikbegeisterte wußten, ob er gerade „schon wieder weg“ oder „wieder da“ war. Der sentimentale Umgang mit Gefallenen ist keine politische Kategorie und so will es das Drama, daß ausgerechnet sein eigener Klon nun die Demontage beschleunigt, indem er die Wiederaufnahme des Stücks seines Lehrmeisters probt und die Schleppnetze in den bekannten Gewässern auswirft.
Haiders wichtigstes Relikt aber ist nicht die Erinnerung an populistische Möglichkeiten im Sinne der Reichweite oder die fast paranoide Angst vor einem Umsturz, einenverfassungmäßigen Relaunch des Staates Stichwort „3. Republik“ oder gar der Bildung einer Naziinsel inmitten der EU. Letzteres hätte zu einer Unbeliebtheit geführt, die der Protagonist nicht auszuhalten bereit gewesen wäre. Sein labiles Charaktergebäude war Gefahr und Entwarnung zugleich. Das Unberechenbare in Kombination mit Geliebtwerdenwollen um jeden Preis gab zugleich zur Sorge, aber auch zum Aufatmen Anlaß.
Haider, und das scheint ihm am besten gerecht zu werden, war immer Reflektor eines Staates, in dem ein öffentlicher Diskurs kaum stattfindet und dessen Politlandschaft verkrustet war und ist. Er spiegelt aber auch die Sehnsucht einer Bevölkerung wider, lieber meinen zu lassen, als selbst zu meinen. In weiterer Konsequenz wäre „denken zu lassen anstatt selbst zu denken“ nur ein kleiner Schritt und das Verlassen des schmalen demokratischen Grats bereits vorgegeben. Die Abtretung von Eigenverantwortung an einen Klassensprecher, an einen frechen Tribun, der hinter vorgehaltener Hand mit beifälligem Nicken oder Gelächter begleitet und akklamiert wird, wurde hier verfeinert. Ein Grundprinzip, das auch Satiriker hierzulande zuweilen begünstigt. Das heimliche Glucksen über die destruktiven Bestrebungen triumphiert über den notwendigen Veränderungsansatz. Man beschäftigte sich öffentlich, ganz Schulmedizin, mit dem Symptom Haider und ersparte sich die Reflexion. Haider wurde als Satellit behandelt, die Umlaufbahn war zwar nicht vorauszusehen, doch wurde die Gefahr des Touchierens ignoriert. Ein Verglühen in der Atmosphäre wurde zwar halbherzig erhofft, doch war sein Schutzschild hitzebeständiger als gedacht.
Es gibt nationale Besonderheiten, die erstaunen. So hat es aus der Distanz den Anschein, als würde man in Großbritannien dem guten Essen wenig Bedeutung beimessen oder in Finnland dem Antialkoholismus. In Österreich scheint das Diskursive, das Argumentieren an sich in der Skala des Verzichtbaren ganz oben auf. Offensichtlich bevorzugt unser Land also, dessen Küche allenthalben so berühmt ist, den Geschmack auch als politische Kategorie. Stoffwechsel dominiert über Kritik. Für all das war Haider repräsentativ und typisch, aber auch voraussehbar in seiner Volatilität, da Geschmack kaum festzumachen ist.
Nun feiert man das Ende des „größten politischen Talents“ seit Kreisky. Es wird eine politische Ära kommen, in der Haider Geschichte ist. Sein Abdruck aber, wofür er stand und was er widerspiegelte, bleibt uns erhalten. Das Problem ist nicht gelöst, auch wenn ein Symptom dafür gegangen ist.